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«Die Leistung eines Portfoliomanagers misst sich transparenter als bei vielen anderen Berufsgruppen.»

 

Stefano Zoffoli
Chefstratege, Swisscanto Invest by ZKB

Stefano Zoffoli leitet das Team «Multi Asset Balanced», das die Verwaltung von traditionellen gemischten institutionellen Mandaten und Fonds verantwortet. Ausserdem ist er als Chefstratege für die Bestimmung und Kommunikation der Anlagestrategie für Swisscanto Invest zuständig. Der gebürtige Tessiner besitzt einen Master in Economics der Universität Zürich und begann seine Karriere als Ökonom bei der Credit Suisse, für die er zwischen 1992 und 1996 tätig war. Danach folgten 10 Jahre bei Julius Baer Asset Management sowie bis zu seinem Eintritt bei Swisscanto im Juli 2016 bei der Deutschen Bank.


Stefano Zoffoli, was hat Sie bewegt, das zu tun, was Sie heute tun?

Das lässt sich auf die Privatisierungswelle der 80er-Jahre zurückführen. Ich war als Teenager von den Berichten über die streikenden Minenarbeiter in Grossbritannien beeindruckt. Und auch die ständige Abwertung der Lira hat mir zwar erlaubt, günstigere Teile für mein Mofa in Italien zu kaufen, aber ich wollte verstehen, weshalb das so war. Also habe ich Volkswirtschaft studiert. Als Volkswirt gibt es dann nicht viele Stellenprofile – der Zufall hat mich schliesslich in die volkswirtschaftliche Abteilung einer Bank gebracht, was sich im Nachhinein als Glücksfall entpuppte.

Was war die beste Entscheidung in Ihrer beruflichen Laufbahn?

Allgemein bin ich sehr froh über den Wechsel von der reinen Analyse in die praktische Umsetzung, etwas das mir besser liegt. Dabei wurde ich sehr bald mit einer konkreten Entscheidung konfrontiert, die mir auch für später geholfen hat. Ich hatte nämlich den LTCM-Hedge Fund aus einem eben übernommenen Portfolio verkauft, noch bevor er kurz danach eingebrochen ist. Ich konnte die Anlage nicht verstehen und deshalb auch nicht in den Portfolio-Kontext setzen. Seitdem versuche ich einen sauberen Due-Diligence-Prozess einzuhalten, was besonders bei Alternativen Anlagen fast nur mit der Hilfe von Spezialisten möglich ist. 

Haben Sie jemals eine berufliche Entscheidung bereut?

Klar, und erst noch mehrere…Das hat natürlich auch mit meinem Job zu tun. Anders als in anderen Berufen sind die Unsicherheiten an den Finanzmärkten ein Vielfaches höher und die Ansprüche sind entsprechend so, dass man versucht, in der Mehrheit der Entscheidungen richtig zu liegen. Letztlich sind Fehlentscheidungen auch ein Ergebnis der Diversifikation der Anlagen, wobei die Behavioral-Finance-Analyse schön aufgezeigt hat, wie Verluste nicht die gleiche emotionale Bedeutung wie Gewinne haben. Insofern ist es auch wichtig, dass die Unternehmensführung eine gute Balance findet zwischen strenger Vermeidung von Fehlern in der operativen Tätigkeit und gleichwohl im Anlageprozess solche auch zulässt. Wichtig für mich ist auch, dass wir die Beiträge – positive und negative – messen und Schlüsse über unsere Fähigkeiten ableiten können.

Was war Ihre grösste Herausforderung in Ihrer bisherigen Laufbahn?

Die Kontinuität. Es ist eine Herausforderung überdurchschnittliche Erträge für die Kunden zu erzielen, wenn man sich in einem ständig wechselnden Umfeld befindet. Ich spreche hier nicht nur die globalen wirtschaftlichen Veränderungen an wie etwa Globalisierung, Währungsunion, technologischen Wandel, sondern auch organisatorische Veränderungen oder regulatorische Anpassungen und zunehmender Margendruck. Ferner kommt teilweise auch der kurze Anlagehorizont in die Quere. Immerhin gibt es positive Beispiele wie einer unserer gemischten Fonds, der nächstes Jahr stolze 50 Jahre alt wird und seit 2001 vom gleichen Portfoliomanager erfolgreich verwaltet wird.

Welcher Mensch kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie das Wort erfolgreich hören?

Eher kommt mir eine Mannschaft in den Sinn. Die französische Fussballmannschaft, die 1998 den WM-Titel gewonnen hat, hatte gute Voraussetzungen erfolgreich zu sein und hat es unter enormen Druck im eigenen Land auch geschafft. Da waren Leader dabei wie der heutige Trainer Deschamps oder Techniker wie Zidane, Arbeiter wie Blanc und Vollzieher wie Trezeguet. Ein Team von Kollegen – in welcher Industrie auch immer – hat oft auch ähnliche Rollen und es ist natürlich wichtig die richtige Zuordnung zu finden. Gerade in einem Anlagekomitee gilt es, die verschiedenen Stärken zu fördern. Im Rahmen der bevorzugten Kriterien wie etwa Bewertung und Momentum, Makroprognosen oder technische Analyse geschieht dies durch qualifizierte Mitsprache und eine kritische Haltung. 

Was macht Ihnen an Ihrem Job am meisten Spass, was am wenigsten?

Am meisten Spass macht ein Anlageertrag über Benchmark und vor der Konkurrenz! Aber klar, das ist die Belohnung für die Arbeit, die dahinter steckt. Dazu gehört, dass sich alle Beteiligten über einen möglichst verständlichen und anhaltenden Anlageprozess einigen. Und ja: das macht mir Spass. Ausserdem analysieren wir oft spannende Zusammenhänge von volkswirtschaftlichen Faktoren, welche man sonst nur oberflächlich streift. Ich denke da beispielsweise an die Fragen, wann US-Aktien teuer sind, wie sich Käufer von Schwellenländeranleihen verhalten oder ob der Goldpreis während Turbulenzen steigt. Am wenigsten Spass macht mir immer noch – dies passiert allerdings eher ausserhalb meines Berufslebens – wenn der Vorwurf laut wird, dass Portfoliomanager undurchsichtig handeln. Natürlich hatten auch wir in der Vergangenheit einiges dazu beigetragen, um diesen Eindruck entstehen zu lassen, aber heutzutage wäre ich froh, wenn ich einen Arzt, einen Anwalt oder einen Handwerker so leicht und transparent auf seine Leistungen, Gebühren und Risiken beurteilen könnte, wie es bei einem Portfoliomanager möglich ist.

Wir lautet Ihr meistgebrauchtes Schimpfwort?

Da ich meine Jugend in Lugano verbracht habe, fluche ich auf Italienisch. Hier kann ich mein spontanes Schimpfwort nicht wiederholen, nur so viel: meine Kollegen haben es aufgenommen ohne genau zu wissen, was es bedeutet. Sie schimpfen so, dass es nach «Katze!» klingt…

Was ist für Sie im Alter wichtiger, was weniger wichtig?

Ich habe mir das so nie richtig überlegt. Schleichend ist wohl eine Art Abgeklärtheit. Privat geht dies meinen Söhnen natürlich auf den Geist, wenn ich mich nicht von ihren spontanen Plänen anstecken lasse. Umgekehrt wird es im Alter gerade deshalb umso wichtiger, die Neugier und Risikobereitschaft nicht abklingen zu lassen.

Das beste Anti-Depressivum?

Da kommen mir hauptsächlich zwei in den Sinn: Fussballspielchen mit den Kollegen und Szenen aus Inspecteur Clouseau in «Pink Panther».

Welches Buch lesen Sie gerade?

Abwechselnd Shiller «Finance and the Good Society» und Philippe Besson «L'absence». Das Erste im Rahmen einer Lesegruppe in der Firma, wo wir generelle Wirtschaftsthemen besprechen und uns nicht nur mit Broker-Research oder Artikeln aus Zeitschriften beschäftigen. Shiller versucht die Rolle der Banken im Wirtschaftskreislauf objektiv darzustellen und die ablehnende Haltung breiter Teile der Bevölkerung seit der Finanzkrise einzuordnen; das zweite Buch lese ich mit der angestrebten Nebenwirkung, dass ich mein Französisch dadurch verbessern kann.

Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Mobiltelefon?

Schwarz. Weil es den Akku schont und weil mich sonst jedes andere Bild noch zusätzlich ablenken würde. Die Flut von Meldungen und Tönen ist ohnehin schon gross genug.

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