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"Im digitalen Zeitalter ist Wissen der Schlüssel zum Erfolg."

 

Francesco Franzoni
Professor, Swiss Finance Institute

Francesco Franzoni ist im wissenschaftlichen Bereich tätig und Professor für Finanzen an der Università della Svizzera italiana. Er kam 2007 zum Swiss Finance Institute (SFI). Professor Franzoni promovierte in Wirtschaftswissenschaften am Massachusetts Institute of Technology. Seine Forschungsresultate wurden in den führenden Finanzjournalen der Welt veröffentlicht und in der internationalen Presse diskutiert. Er hält regelmässig akademische Vorträge an hochkarätigen Konferenzen zum Thema Finanzen. Dabei vertritt er die These, dass gerade im digitalen Zeitalter Wissen der Schlüssel zu Erfolg ist.


Professor Franzoni, lassen Sie uns das Gespräch mit einer persönlichen Frege zum beruflichen Umfeld beginnen. Was ist für Sie Erfolg?
Als Forscher definiere ich in meinem Beruf Erfolg, wenn jemand nützliche Beiträge zur Wissensvermehrung stiftet. Im Bereich Finanzwesen, einem relativ jungen Studiengebiet, haben wir enorme Fortschritte gemacht beim Verstehen der Funktionsweise von Märkten und Institutionen. Wir haben auch ein gutes Gespür dafür entwickelt, was ein sinnvolles Anlageverhalten sowohl für Individuen als auch für institutionelle Anleger ausmacht. Ich denke auch, dass wir die Determinanten von Finanzkrisen, einschliesslich der jüngsten, heute gut kennen. Wir müssen aber noch besser in der Lage sein, Krisen vorherzusehen und Strategien zu definieren, um sie zu verhindern. Mit meiner Forschung versuche ich deshalb, dysfunktionale Elemente in den gegenwärtigen Finanzmärkten ausfindig zu machen, welche künftig die Stabilität der Finanzmärkte gefährden könnten.

Was war die beste Entscheidung in Ihrer beruflichen Laufbahn?
Meine erfolgreichste Entscheidung ist sehr wohl, dass ich zum Swiss Finance Institute an der Università della Svizzera italiana – kurz: USI – kam. Das prosperierende Forschungsumfeld und die freundliche Arbeitsatmosphäre hier in Lugano haben meine Produktivität deutlich erhöht – ganz zu schweigen von der Lebensqualität in der Schweiz generell und im Tessin im Besonderen.

Was treibt Sie an?
Mein stärkster Treiber ist sicherlich der Wissensdurst. Ich schätze, er ist es, der einem Forscher hilft, die fehlende Sicherheit bezüglich dem Finden von Ergebnissen in der täglichen Arbeit zu überwinden. Der Fortschritt in meinem Beruf geschieht nicht linear, sondern in Etappen. Es gibt lange Zeiträume, in denen nichts passiert und man einfach weiter versuchen muss, in verschiedene Richtungen zu denken und eine offene sowie positive Haltung zu bewahren.

Auf welchen Werten beruhen Ihre täglichen Handlungen, Entscheidungen, Pläne?
Als Forscher im Finanzbereich muss man sich immer wieder den Nutzen der eigenen Tätigkeit für die Gesellschaft in Erinnerung rufen. Die Finanzwissenschaften werden oft als dasjenige Forschungsfeld bezeichnet, das untersucht, wie man am effizientesten Geld verdienen kann. In einem ersten Schritt untersuchen wir in der Tat, wie Investoren ihre Renditen zu maximieren versuchen. Ich bemühe mich jedoch ständig, meine Arbeit auf das Wohlergehen der Gesellschaft auszurichten, denn am Ende wird die universitäre Forschung zu einem grossen Teil durch Steuergelder finanziert. Daher sehe ich es als eine moralische Pflicht, eine Verbindung zwischen meiner Forschung und den gesellschaftlichen Bedürfnissen zu finden. In modernen Gesellschaften und insbesondere in der Schweiz spielt das Finanzwesen eine grosse Rolle, weshalb die Forschung über Finanzaspekte dazu dienen sollte, die Funktionsweise unserer Volkswirtschaften zu verbessern.

Was macht Ihnen an Ihrem Job am meisten Spass, was am wenigsten?
Am meisten Spass macht mir der Beginn eines neuen Forschungsprojektes. Das ist die Zeit, in der man ganz frei neue Ideen spinnen kann. Es ist ein Moment grosser Kreativität und Begeisterung. Der Teil, den ich am wenigsten mag, ist der Review-Prozess, den ein Forschungsartikel vor der Veröffentlichung durchläuft. Viele verschiedene Aspekte kommen hier ins Spiel, zum Beispiel persönliche Vorlieben und Interessen der Rezensenten. Das macht den Prozess manchmal frustrierend und er läuft nicht immer «wissenschaftlich». Doch ist der Wettbewerb unter Forschern eine wünschenswerte Situation, weil er das ganze System produktiver macht. Manchmal – dies soll auch gesagt sein dürfen – kann der Wettbewerb jedoch absurde Anreize schaffen, die echte Fortschritte in der Wissenschaft behindern.

Welche Probleme sollten Politik und Behörden rasch angehen?
Ich nehme an, Sie sprechen den Bereich der Wirtschaftspolitik an, der ohnehin vielen anderen Aspekten der öffentlichen Politik zugrunde liegt. Ich glaube fest an die Marktwirtschaft. Märkte erfordern jedoch Konsens, Vertrauen und gut informierte Teilnehmer, um gut zu funktionieren. Ich denke, dass das derzeitige Niveau der Ungleichheit, das wir sowohl in unseren entwickelten Volkswirtschaften als auch länderübergreifend beobachten, den Konsens und das Vertrauen in die Märkte untergräbt. Auch die demokratischen Prozesse, wie wir sie kennen, werden  davon untergraben. Letztlich sollten die politischen Entscheidungsträger im Interesse unserer Demokratien und Volkswirtschaften bestrebt sein, allen Menschen einen fairen Marktzugang zu ermöglichen. Dies beinhaltet, dass Individuen ein ausreichendes Bildungsniveau erhalten, um die Regeln zu verstehen, nach denen die Märkte funktionieren. Darüber hinaus sollte das Schulsystem die Menschen mit einem Humankapital ausstatten, das ihnen ermöglicht, sich immer wieder flexibel an die grossen Veränderungen anzupassen, welche beispielsweise die Technologieentwicklung mit sich bringt. Schliesslich sollten die politischen Entscheidungsträger sich auch dafür einsetzen, dass Leute, die aufgrund des technologischen Wandels aus dem Arbeitsmarkt gedrängt werden, sich weiterbilden und damit wieder im Arbeitsleben Fuss fassen können.

Wo finden Sie in Ihrer Freizeit den Ausgleich?
Neben der Zeit mit Familie und Freunden versuche ich auch Freiräume zu finden, um Sport zu treiben. Im Winter fröne ich gerne meinem Lieblingssport, dem Skifahren. Über den Rest des Jahres fahre ich viel Rennrad. Lesen und kulturelle Aktivitäten – Filme, Theater und Kunstausstellungen – sind ebenfalls wichtig für mich.

Auf was könnten Sie in Ihrem Leben nicht verzichten?
Es wäre schwer für mich, von der Natur abgeschnitten zu sein. Ich muss an einem Ort leben, der mir einen relativ einfachen Zugang zu Bergen und ins Grüne ermöglicht. Beides ist notwendig, damit ich meine Hobbys ausüben kann. Ausserdem habe ich das Gefühl, dass die Natur eine beruhigende Wirkung auf mich hat und mich den während einer strengen Arbeitswoche angesammelten Stress gut abbauen lässt. Lugano ist in dieser Hinsicht ein grossartiger Ort. Die schönsten Berge der Welt sind leicht zu erreichen und um den wundervollen See lässt es sich toll Rennradfahren. Für‘s Grossstadt-Feeling wiederum sind Mailand und Zürich nicht weit entfernt.

Was würden Sie heute einem Berufseinsteiger im Asset Management empfehlen?
Das Schlagwort lautet heute Fintech. Daher würde ich meinen Studenten empfehlen, die Grundlagen des Programmierens zu lernen und die Funktionsweise von künstlicher Intelligenz zu verstehen. Unser neuer Master-Lehrgang in Fintech an der USI in Lugano bietet genau das. Wir zeigen der nächsten Generation von Finanzprofis die Werkzeuge, mit denen sie die neuen Technologien beherrschen können. Denn sie werden in der Vermögensverwaltung und im Finanzsektor bald eine dominierende Rolle einnehmen.

Welches Buch lesen Sie gerade?
Aktuell lese ich das Buch «Die Hälfte ist nie erzählt worden: Sklaverei und die Entstehung des amerikanischen Kapitalismus» von Edward Baptist (1). Es ist eine faszinierende Erzählung über die Rolle der Sklaverei bei der wirtschaftlichen Entwicklung der Vereinigten Staaten. In den USA lautet die gängige Meinung zur Sklaverei, dass sie Ausdruck einer archaischen Gesellschaft war, die nichts mit dem modernen Amerika zu tun hat. Der Autor entlarvt nun diesen Mythos. Die Entwicklung der stärksten Volkswirtschaft der Welt gründet zu einem grossen Teil auf der Ausbeutung bzw. der Sklaverei. Bei der Beschreibung dieses Zusammenhangs zeichnet der Autor ein klares Bild von der unmenschlichen Behandlung der schwarzen Bevölkerung in dieser langen und dunklen Periode der Geschichte.

Was machen Sie während einer Kurzreise?
Ich lese entweder Forschungsartikel oder in einem Buch. Aber wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, höre ich Podcasts. Es gibt da einige sehr unterhaltsame Angebote. Radio Atlantic beispielsweise diskutiert aktuelle politische Themen oder kulturelle Aspekte von breitem Interesse – und dies nicht ausschliesslich auf die Vereinigten Staaten bezogen. Ich höre auch EconoTalk, eine Sendung, die berühmte Ökonomen ebenso einlädt wie Buchautoren verschiedenster Couleur. Äusserst unterhaltsam ist zudem FreakEconomics Radio, das ökonomische Konzepte auf die undenkbarsten Bereiche anwendet... wie etwa öffentliche Toiletten.

Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Mobiltelefon?
Normalerweise halte ich den Hintergrund meines Telefons schwarz – es hilft Energie zu sparen und die Lebensdauer der Batterie zu verlängern. Ich mag es wirklich nicht, wenn die Batterie mitten am Tag leer ist. Als Hintergrundbild für WhatsApp verwende ich derzeit ein Foto meiner neuen Ski, die ich kurz vor Saisonende gekauft habe. Ich habe sie erst einmal benutzt und kann die nächste Saison kaum abwarten. Ich werde die Marke nicht verraten, aber es sind Rennski für Riesenslaloms ... die Farbe ist gelb, mit etwas Weiss.

 

 

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(1) Original-Titel: «The Half Has Never Been Told: Slavery and the Making of American Capitalism»

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