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"Das wichtigste Prinzip, das im Finanzbereich einen Unterschied ausmacht, ist die Disziplin."

 

Cédric Kohler
Head of Advisory, Fundana SA

Cédric Kohler ist Head of Advisory bei Fundana, einer spezialisierten Investment-Boutique in Genf. In diesem Jahr feiert das Unternehmen sein 25-jähriges Bestehen und kann auf eine erfolgreiche Entwicklung zurückblicken. Die Expertise des Unternehmens liegt in der Erkennung und Auswahl von Talenten im Hedge-Fund-Bereich. Zu den Kunden des Unternehmens gehören Pensionskassen, Family Offices und unabhängige Vermögensverwalter.

Bevor Cédric Kohler zu Fundana kam, arbeitete er für Lombard Odier und leitete das Fund-of-Hedge-Funds-Team. Von 2004 bis 2007 war er Global Head of firm-wide risk bei der Citadel Investment Group in Chicago. Zuvor arbeitete er als Managing Director im Bereich Risikomanagement bei Merrill Lynch in New York. Cédric Kohler begann seine Karriere bei UBS in New York, London und Zürich. Er ist Mitglied in der Research Group der Alternative Investment Manager Association, des SFAMA Alternative Investment Councils und des Swiss Hedge Fund Councils.

Cédric Kohler, lassen Sie uns das Gespräch mit einem kleinen Rückblick beginnen. Was war die beste Entscheidung in Ihrer beruflichen Laufbahn?
Das war eindeutig der Entscheid, früh in die USA zu gehen. Dort wurde ich mit vielen Handels- und Investment-Strategien konfrontiert und durfte an einigen der grössten Märkte und Finanzinstitutionen der Welt agieren. Ausserdem habe ich das Arbeitsumfeld sehr genossen, denn der Fokus lag stets auf der Umsetzung von Vorhaben. Deine Herkunft spielte keine grosse Rolle, solange du es schaffen konntest. Nicht umsonst hat Nike «Just do it» als Motto.

Welcher Mensch kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie das Wort erfolgreich hören?
Ich denke hier an Ken Griffin, den Gründer der Citadel Investment Group aus Chicago. Er leitet einen milliardenschweren Hedge Fund mit diversen Strategien noch heute und war einer meiner früheren Chefs. Er beeindruckt mich nicht nur, weil er seinen Fonds mit buchstäblich nur ein paar Millionen US-Dollar begonnen hat, sondern auch, weil er selbst nach so vielen Jahren und so viel Erfolg immer noch seine Leistung mit Leidenschaft erbringt und beständig hinzulernt. Noch heute kommt er an jedem Wochenende einen Tag ins Büro!

Welche Leitsätze/Führungsprinzipen verfolgen Sie?
Das wichtigste Prinzip, das insbesondere im Finanzbereich einen Unterschied ausmachen kann, ist die Disziplin. Es gilt vorab zu identifizieren, was man effektiv gut beherrscht, und sollte etwa ein Anlagestil temporär in Ungnade fallen, so gilt es an ihm festzuhalten. Die Versuchung ist nämlich gross, in der Vermögensverwaltung Produkte zu kreieren, welche aktuell gerade in Mode sind, um damit Volumen anzulocken – dies mit der Behauptung, innovativ zu sein. Innovationen können durchaus ein bestehendes Geschäft zerstören. Wer nur über eine begrenzte Menge an Ressourcen verfügt, sollte nicht versuchen, auch nur einen kleinen Teil vom funktionierenden Kerngeschäft abzuzweigen. Dies kann sehr schädliche Folgen haben. Wir sehen oft Manager, die versuchen, zu viele Dinge zu tun: einen Flagship Fund, einen UCITS oder US-Fonds nach 1940 Investment Act zu lancieren, mehrere Managed Accounts zu führen usw. Wissen Sie, wie viele Produkte ein Asset Manager mit 10 Mrd. USD an Vermögen normalerweise verwaltet? Es sind über 33! Wo liegt da der Fokus? Und wird das Management solcher Unternehmen eher von der Performance oder vom Volumen geleitet?

Was hat Sie dazu bewegt, das zu tun, was Sie heute tun?
In den 90er-Jahren hatte ein Schweizer überspitzt formuliert drei Wahlmöglichkeiten: Uhren, Schokolade oder das Bankwesen. Da ich Uhren nie besonders mochte, musste der Entscheid zwischen der Schokolade und der Finanzwelt zu liegen kommen. Am Ende habe ich beschlossen, die Schokolade nur zu geniessen und eine Karriere im Finanzwesen anzustreben. Während zunächst die technischen Aspekte zu meiner Hauptmotivation wurden, richtete sich mein Interesse später immer mehr auf qualitative Aspekte des Geschäftsbereichs. Im Risikomanagement beispielsweise setzen die meisten Unternehmen 90% ihrer Ressourcen für die Risikomessung ein, wobei das Handling der Risiken weitaus wichtiger ist. Auch heute sehe ich, dass die meisten Fehler nicht auf die Messung zurückzuführen sind, sondern auf die schwierigen Fragen, wie man Risiken aktiv angehen kann. Und je grösser eine Organisation ist, desto schwieriger wird es, Risikomanagement effektiv zu betreiben. Betrachtet man die Liste der grössten Handelsverluste – Sie finden diese unter https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_trading_losses –, so erkennt man, dass die grössten Verluste in der Regel eine Kombination aus einer grossen Organisation/Einheit, Derivaten und enormen Trades sind. Es passiert immer und immer wieder, und in diesem Sinne wiederholt sich die Geschichte. Wir sollten allerdings daraus lernen.

Wie würden Sie Erfolg in Ihrem Job beschreiben?
Ich denke, dass man dem Paradies nahe ist, wenn man eine tolle Leistung erbringt oder das Vertrauen seiner Kunden gewinnen konnte. Phasen mit Underperformance treten naturgemäss immer mal wieder auf, aber wenn wir Fundana als 25-jähriges Unternehmen betrachten, so ist es wichtig, etwas daraus gelernt und die Leistung entsprechend gesteigert zu haben. Das Vertrauen von Kunden zu gewinnen, ist in unserer Branche angesichts der hohen Konkurrenz nicht einfach. Ich denke jedoch, dass Vertrauen entsteht, indem man geduldig, diszipliniert und konsequent agiert.

Welche Zukunft sehen Sie für die Schweizer Asset-Management-Industrie?
Nur ein oder zwei Schweizer Akteure können international auf breiter Ebene mit Produkten mithalten. Die grosse Mehrheit sollte sich auf Nischen wie etwa alternative Anlagen konzentrieren. In der Tat gibt es viele kleine bis mittelgrosse Schweizer Finanzgesellschaften, die international konkurrenzfähig sind, aber hierzulande wenig Anerkennung geniessen. Viele Schweizer Institutionelle gehen davon aus, dass Talente überwiegend in London oder New York beheimatet sind. Natürlich sollte Nähe nicht das Hauptkriterium für eine Selektion sein, ist aber die Leistung auf gleichem Niveau, sollten lokale Manager bevorzugt werden. Man kann auch fragen, ob die Schweiz ausländische Vermögensverwalter noch mehr anziehen soll. Leider war unser Land mit Ausnahme steuerlicher Aspekte nicht so kompetitiv wie etwa Grossbritannien, Frankreich oder Deutschland. Viele möchten, dass die FINMA oder unsere Politiker aktiver werden, was jedoch die DNA unserer Institutionen nicht reflektiert. Die Schweiz ist ein gutes Beispiel für eine erfolgreiche Dezentralisierung mit historisch gesehen wenig Verordnungen von oben. Daher ist es die Aufgabe der Industrie – zum Beispiel über die Asset Management Plattform – den Dialog zu führen und die Forderungen an unsere Politiker zu adressieren.

Wo finden Sie in Ihrer Freizeit den Ausgleich?
Ich laufe heute gerne und regelmässig. Bislang habe ich mehrere Sportarten ausgeübt, doch scheint mir Laufen nicht nur hocheffizient zu sein, ich kann hier auch schnell abschalten mit mich vom Alltagsstress lösen. Alles, was man braucht, sind Laufschuhe – Barfussläufer würden dies natürlich bestreiten – und ein einfaches Outfit. Laufen kann ich zu jeder Tages- und Nachtzeit. Gerne nehme ich mir diese kleinen Auszeiten, um herunterzufahren und den Moment bzw. auch die Gegend zu geniessen. Ich habe übrigens auch schon lange Strecken in der Wüste zurückgelegt, was eine einzigartige Erfahrung war.

Was würden Sie heute einem Berufseinsteiger im Asset Management Ihrem jüngeren Selbst empfehlen?
Ich würde dem jungen Fachmann empfehlen, sowohl die Seite des Portfoliomanagements als auch des Vertriebs kennenzulernen. Wenn Sie wissen, wie man Risiken steuert, sind Sie ein besserer Verkäufer, und wenn Sie wissen, was es braucht, um einen Kunden zu gewinnen und ihn zu halten, werden Sie ein besserer Portfoliomanager. Jedem, der ein neues Unternehmen im Finanzbereich gründen möchte, empfehle ich dringend, zwei der folgenden drei Dinge einzuhalten: 100 Millionen CHF an garantiertem Kundengeld, 5 Millionen CHF Betriebskapital oder ein «Wow-Produkt» zu lancieren. Und mit «Wow» meine ich ein Produkt, das zehnmal besser ist als die vergleichbare Konkurrenz, ein Produkt, das ein Problem löst, welches derzeit niemand lösen kann oder möchte. Mit allem anderen wird das Überleben schwer. Schliesslich würde ich allen vorschlagen, «Liar's Poker» von Michael Lewis zu lesen. Es ist ein aussergewöhnliches Buch, welches aufzeigt, dass Finance in erster Linie auf  Anreizen basiert und die Ignoranz, Gier und Angst des Menschen umfasst.

Mit wem würden Sie sich gerne zum Dinner verabreden?
Es wäre Louis De Funès, der französische Schauspieler und Komiker aus den 70er-Jahren. Er hat mich als Kind zum Lachen gebracht und ich geniesse es noch heute, seine Filme mit meinen Kindern anzusehen. Jeder scheint seine hohe Energie, sein breites Spektrum an Gesichtsausdrücken und seine Ungeduld zu mögen. Mich beeindruckt, wie viel Aufwand er trieb, um die Auftritte natürlich und leicht erscheinen zu lassen. Auch das Gesamtwerk mit mehr als 100 Stücken und 140 Filmen ist imposant, wenngleich er in etwa 80 auch nur eine kleine Rolle besetzte. Er war über eine lange Zeit mit von der Partie und stellte gleichzeitig sicher, dass er auch im Kleinen Spass an dem hatte, was er tat. Diese Werte teilen wir bei Fundana.

Welches Buch lesen Sie gerade?
Zu Beginn jedes Jahres zwinge ich mich, Michael Mauboussins Buch «Mehr als du weisst» noch einmal zu lesen. Der Autor ist einer der besten Investment-Strategen (Legg Mason, Credit Suisse, BlueMountain Capital), den ich je persönlich gekannt habe. Er kann die Gefahren bei der Anlageanalyse grossartig hervorheben und beschreiben. Investoren tendieren zum Beispiel dazu, Ergebnisse zu extrapolieren, ohne wirklich zu verstehen, wie die Anlageprozesse aussehen, welche zum bisherigen Resultat führten. Oder anders gesagt: War der Fondsmanager wirklich gut oder hatte er einfach nur Glück? Natürlich werden auf lange Sicht nur qualifizierte Manager den Markt schlagen. Auf kurze Sicht ist es jedoch unmöglich, Glück von Geschick zu trennen, ohne den Anlageprozess eines Fondsmanagers zu analysieren. Es geht um Attributionsanalysen und die Frage, ob Resultate wiederholbar und auch skalierbar sind. Wenn Sie dieses Knowhow nicht konsequent erkennen, sind Investitionen nichts anderes als Spekulation. Ich empfehle daher dieses Buch jedem, der in der Vermögensverwaltung tätig ist.

Was machen Sie während einer Zugreise?
Ich fahre oft mit dem Zug durch die Schweiz, weil dies viel effizienter ist als mit dem Auto. Besonders liebe ich die frühen Stunden, um zu schreiben, da man kaum durch Anrufe unterbrochen wird. Ein paar Stunden konzentriert zu bleiben ist Gold wert, etwa um einen Artikel zu verfassen. Wir bei Fundana möchten gerne viel kommunizieren, da viele falsche Vorstellungen über Hedge Funds herumgeistern. Wie so vieles im Leben gibt es auch in unserem Bereich nicht einfach schwarz und weiss. Leute mögen gewisse Dinge etikettieren, um ihr Leben einfacher zu gestalten, aber wir sehen dies als eine leichtsinnige Vereinfachung. Fundana ist aktiv, wenn es um die Kommunikation über Vor- und Nachteile von Hedge Fund Investments geht, sei es auf Konferenzen wie jener der Schweizer Personalvorsorge oder über Branchenverbände wie den SFAMA Alternative Investment Council, den Swiss Hedge Fund Council oder das AIMA Research Committee.

Wenn Sie ein Land aussuchen dürften: wo würden Sie am liebsten Leben und wieso?
Ich habe in vielen Ländern gearbeitet, gelebt und Urlaub gemacht, aber am Ende kommt keines an die Schweiz heran. Die Kombination aus Rechtsstaatlichkeit, dem entwickelten Finanzsektor, den aussergewöhnlichen Möglichkeiten im Freien und der Lebensqualität im Allgemeinen machen das Land zu einem grossartigen Ort. Während die USA ziemlich genau das Gleiche bieten, finden wir es hier einfach in einer viel kompakteren Version vor. Sie können morgens Ski fahren, tagsüber einen Hedge Fund Manager und einen Kunden treffen und trotzdem vor dem Abendessen auf dem See surfen.

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